Sommersonnenende

In den letzten Tagen gibt die Natur hier in den Westfjorden nochmal alles. Die Wiesen sind grüner als zuvor, wobei das fast der Unmöglichkeit entspricht. Der arktische Mohn lässt nun all seine letzten Knospen aufspringen eh hier alles am Mitte Oktober im Schnee versinkt. Nur die Vögel sind längst nicht mehr hier, oder nur vereinzelt, die Küken schon groß genug, um alleine auf den Beinen zu stehen bzw. auf ihren Flügeln zu schweben.

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Und auch meine Zeit geht hier vorbei, die wie immer im Fluge vergangen ist. Das tut sie seit ein paar Jahren, die Jahre ziehen an mir vorüber wie ein starker Windstoß, wie er grad durchs Haus zischt, alle Türen scheppern lassen, die Holzstufen knarzen und das Gras draußen plättet. Platt bin auch ich; von der Stille, von der Einsamkeit, von ein bisschen Arbeit, von der Enge, von der Weite, von der frischen Luft, dem guten Essen, von zu wenig Besuch, von zu viel Wechsel, von Langeweile, von den Bergen und den tief hängenden Wolken.

WestfjordsMe04Himmelhochjauchzend gibt es hier auch, nur gibt es für mich immer einen Grund zu schaudern, zu denken, zu grübeln. Wie lange soll ich bleiben und noch wichtiger, wohin soll ich danach? Ich stehe ein wenig auf dem Schlauch…ich will einen Schritt vorwärts machen, doch halte mich irgendwie zurück. Weil ich weiß, dass mein Herz bricht, ein Stück, wenn ich dieses Land verlasse. Es ist komisch, ich kann nicht so richtig sagen warum, aber hier will ich eigentlich zu hause sein, mit Unterbrechungen die mich in die weite Welt führen, die mich andere Kulturen sehen lassen. Und dann wieder zurückkommen, in das Sicherheitsgefühl, in das gewählte zuhause.

Flateyri32Wie auch am Ende des letzten Sommers, zieht es mich in die große Stadt, freue ich mich auf andere Gesichter, freue ich mich auf bekannte Gesichter, vertraute Stimmen, Vertrauen an sich. Ich freue mich auf die quirligen Straßen, an den Blick auf Esja. Und dann freu ich mich auf noch mehr Stadt, die größte die ich bisher in meinem Leben gesehen haben werde. Neue Abenteuer, neue Menschen, neue Eindrücke, wenigstens für ein paar Tage. Aber die Erinnerung daran wird bleiben, ein Leben lang in meinem Kopf. Wie das hier. Es bleibt.

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Einjähriges…

So wie in den letzten Wochen und Monaten diverse Stürme übers Land gezogen sind, so schnell und mit voller Wucht sind die letzten zwölf Monate an mir vorbeigeweht. Vor exakt einem Jahr war ich auf dem Weg in eine ungewisse, aufregende Zeit, von der ich noch nicht wusste, was sie bringen würde, welche Abenteuer ich erleben, wer mir ans Herz wachsen oder wen ich ganz schnell wieder vergessen würde. Ich ahnte dass es schön werden würde, aber wusste nicht, dass es SO schön ist. Ich ahnte nichts von den Irritationen, von den Zweifeln, davon wie schwer der Winter für mich werden würde (weil ich ursprünglich auch gar nicht vorhatte, so lange zu bleiben). Dieses Kapitel in meinem Leben war so unbeschrieben, so offen und immernoch gibt es kein Ende. Weder gut noch schlecht.

IMG_20140511_221323Hier und jetzt bin ich schlauer, habe ich viele tolle Momente gehabt, viele tolle Menschen kennengelernt, mich besser kennengelernt, bin über mich hinausgewachsen, habe herausgefunden, wer ich bin aber bin noch lange nicht fertig damit. Und mag eigentlich nie fertig damit sein. Denn ich möchte immer lernen, über mich, über die Welt, über andere. Und auch stolpern können, sich mit seinen Ängsten, mit seinen Intoleranzen auseindersetzen, sich über die eigenen Grenzen hinwegsetzen, Gefühle zulassen, aushalten, Gedanken hinterfragen, Verhalten hinterfragen. Von sich, von anderen. Und offen sein für all das, für die Unterschiedlichkeit der Kulturen, die doch größer ist, als ich je gedacht habe. Ich bin ein Stückchen geduldiger geworden, habe aber gemerkt, dass es nicht einfach ist aus der eigenen soziokulturellen Haut zu schlüpfen.

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Ich habe Dinge getan, die ich noch nie zuvor getan habe, habe meine romantischen Vorstellungen des Farmlebens sehr schnell abgelegt, gelernt es zu schätzen, woher Fleisch kommt, wie die Tiere leben, die irgendwann (für uns) sterben müssen. Bewusster leben, bewusster konsumieren, sich auf das wichtige und notwendige beschränken. Ich habe mich in Schweigen geübt, ich habe der Natur gelauscht, Vogelstimmen kennengelernt, das Schreien des Polarfuchses erkannt. Ich habe Kühe gemolken, Lämmer markiert, Schafe eingefangen, wilde Kälber bei ihrem ersten Ausflug begleitet (und sie versucht davon abzuhalten zu entkommen). Ich habe mehrere Tiere sterben sehen (auf natürliche und unnatürliche Weise).

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Anfangs war ich ein Prinzessinnenbändiger, habe ich spät herausgefunden, wieviel Arbeit eine Familie und der Haushalt wirklich machen. Niemehr wollte ich nach dem Prinzessinnenbändigen Prinzessinnen bändigen. Doch ich wurde (zum Glück) vom Gegenteil überzeugt, dass es nicht immer verrückt und chaotisch zugehen muss. Ich habe eine zweite Familie gefunden, Freunde, Vertraute, die ich niemehr vergessen werde. Denen ich dankbar bin, für all die Erfahrungen, die sie mir ermöglichen.

Die Berge waren manchmal steil, oft musste ich über viele Steine steigen, aber immer war da eine Kraft, die mir die Hand gereicht hat und mir zurief “Vertrau dir”. Der Ausblick von dort oben ist so atemberaubend schön! Diese Energie hat mir geholfen, den Abstieg ohne Schrammen und Stürzen zu überstehen.

Niemals, in keiner Sekunde habe ich bereut diesen Schritt gegangen zu sein – und es war nicht immer leicht. Manchmal habe ich Sehnsucht nach Kränen, Hafen, Astra mit Freunden, Sommer, Sonne, Currywurst, Hasenschaukel, Elefantenfuß, Hasen hinterm Haus, Tanja in der Küche, Amselgesang und Großstadttrubel. Doch ich weiß, dass es da diese Sehnsucht gibt, wegen der ich hier bin und ich weiß immernoch, dass dies der richtige Weg ist, wo auch immer er hinführt, denn ich bin mir sicher, dass es keine falschen Wege gibt.

NL09Nun steh ich hier mit all den Eindrücken der letzten zwölf Monaten, angekommen in einem Land, von dem ich bis vor zwölf Monaten nur träumen konnte. Angekommen in einem Land, das ich jetzt mein zu Hause nenne. Vielleicht temporär aber im Herzen immer. Und immernoch ist das Kapitel nicht zu Ende, das Ende nicht vorhersehbar, ungeschrieben. Ich fülle die Seiten mit Leben, Leidenschaft, Freiheit, Bergen, schwarzen und gelben Stränden, Angry Birds, Wollgras, vielen neuen Lieblingsmenschen, Kuhaugen, Schafmähen, wehenden Pferdemähnen, Reykjavik, gutem Essen, Lakritzschokolade, Nordlichtern, Sonnennächten, bärtigen Isländern, verschmitztem Kinderlachen, felligen Katzenbäuchen, glitzerndem Nordatlantik und am Ende auch Musik.

Sonnensturm…

Gestern Abend gab es Explosionen…am Himmel. Erst vermutete ich hinter dem Aurora Forecast Level 9 einen Fake, eine gehackte Seite, dann war meine Timeline gepflastert mit “Nordlicht alert and it’s not dark yet”.

Also zwang überredete ich eine Freundin raus aus dem Straßenlaternendschungel zu fahren. Zu viert konnten wir dann kaum unseren Augen trauen…der ganze Himmel war voll mit diesen wunderschönen Himmelserscheinungen. Über drei Stunden lang hielten wir es bei -8 Grad aus, tanzten zu “Like a Virgin” und sangen Cat Stevens “Wild World”…und am Himmel wurde in grün, pink und blau gesplasht, gezwirbelt und ebenfalls getanzt. Ich hörte selbst Isländer sagen, dass sie so etwas noch nicht gesehen hatten…wie schön Physik sein kann!

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christmassy Winterwonderland…

…es ist ganz schön christmassy hier geworden, seit die Schneestürme übers Land fegen. Schön anzusehen ist das, von der warmen Seite des Fensters aus. Ein bisschen Wehmut, ein bisschen Vitamin D-Mangel oder einfach Wintermood, viel Glück bei den Flügen in die Westfjorde, weil davor, dazwischen und danach besagte Schneestürme wüteten. Und weil mir hier momentan ein bisschen die Worte fehlen, nur ein paar aktuelle Bilder aus den letzten Wochen:

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How To Fall In Love With Northern Lights…

And I do need the wind across my pale face
And I do need the ferns to unfurl in the spring
And I do need the grass to sway,
yes I do need to know my place
(Bowerbirds – Northern Lights)

Den Magen voll mit Kaffee, weil die Müdigkeit gegen acht Uhr abends kam, führte mich mein Weg durch die Stadt zum Hafen. Sehr dick eingepackt kurz die Laugarvegur gekreuzt, schon im Park gegenüber der Harpa den Wind gespürt, der vom Meer herwehte. Angekommen am Hafen, schmetterte Queens “Love Of My Life” aus den Lautsprechern des Dampfers, der die Gäste zu den Nordlichtern bringen sollte. Mein Herz hüpfte schon da, sang leise mit und grinste. Der Mund auch. Drinnen in dicke, Kälte abweisende Anzüge verpackt, dann an Deck, einen sicheren Platz an der Reeling gesucht und gefunden. Und dann Diesel in der Nase und vor den Augen noch mehr Menschen in Neongelb-Schwarzen Anzügen. Wir versuchten der Lichtverschmutzung dieser Stadt zu entkommen, um Nordlichter ausfindig machen zu können. Der recht gute Forecast war im Laufe des Tages auf einen eher schwachen gesunken. Doch, kurz nach Passieren der Hafengrenze die ersten zaghaften grünen Lichter am Himmel. Musik auf die Ohren, die anderen anwesenden Menschen auf stumm geschaltet, Gänsehaut und Bauchkribbeln am ganzen Körper. So fühlt sich Glück an. Schon allein wegen des wunderschönen Sternenhimmels hätte sich diese Bootstour gelohnt. Und wegen des Windes, der mir um die Nase wehte. Erinnerungen an Hamburg, an die HVV-Fähre, nach Finkenwerder und zurück. Das hatte mich immer glücklich gemacht, wenn der Wind den Kopf zerzaust und das Hirn durchgepustet hat.

Und einmal mehr stelle ich mir die Frage: wie soll ich jemals wieder irgendwo ohne diesen Sternenhimmel, ohne Nordlichter, ohne Island leben können?! Totgefrorene Zehen und Finger, zum Takt der Musik und dem Schaukeln des Schiffes bewegt, dem dicken amerikanischen Mädchen mit der lustigen Puffin-Mütze entgegengegrinst, glücklich schnellen Schrittes auf den Heimweg gemacht und mich über viele Menschen in langen schwarzen Mänteln gewundert. Das Blut in den Zehen und Fingern pulsiert, die Wangen glühen, der Kopf ist voll, das Herz durchgepustet.

Und diese Songs in meinen Ohren:
Queen – Love Of My Life
Dave Hause – C’mon Kid
To Kill A King – Choices
Angus & Julia Stone – Grizzly Bear
The Devine Comedy – Have You Ever Been In Love
All The Luck In The World – Your Fires
Keaton Henson – Small Hands
Ólafur Arnalds & Arnór Dan – Old Skin
Lana Del Rey – Summertime Sadness
Oscar & The Wolf – Lady Of The Sunshine
Júníus Meyvant – Color Decay

The Road (to the south)

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“To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.”
(Frank Turner – The Road)

Die beliebtesten Touristentouren Islands sind unfraglich die Golden Circle Tour und die Südküste. Den Golden Circle bin ich schon in mehreren Varianten gefahren; mit gebuchter Bustour, mit gemietetem Auto, mit Freunden, mit Fremden. Schön ist das auf jeden Fall, wo in Europa bekommt man sonst einen Geysir zu sehen?!

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Die Südtour bin ich bisher zwar auch schon (in Teilen) gefahren, aber nie war es so schön, wie in der letzten Woche. Besuch aus der Heimat, zu dritt Auto gemietet für drei Tage, Unterkünfte gebucht und los. Und schließlich hatten wir Dank. M. auch das  Wettercharma mit an Bord. Und so gings durch unwirkliche Mooslandschaften, alten Lavafeldern, durch riesige Sanderflächen, stundenlang an Europas größtem Gletscher, dem Vatnajökull vorbei.

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Morgens am schwarzen Strand von Vík spazieren gehen, mittags den Treibsandlöchern am Skaftafelljökull ausweichen, nachmittags am Jökulsarlon riesige Eisberge beobachten, abends im Sonnenuntergangslicht Islandpferde streicheln. Oder am Skogafoss Lammsuppe essen, in der Nähe des Eyjafjallajökull im Hot Tub Sektchen trinken und über rutschige Steine zum Höhlenwasserfall springen. Zwischendurch nicht immer nur Sonne, auch mal viel Nebel, Schnee, aber eigentlich nie Regen.

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Dafür Lionel Richie, dessen “Hello” aus dem Radio tönte, als wir grad den letzten Berg vor Vík erklommen hatten und laut mitsangen: “Hello, is it me you’re looking for? I can see it in your eyes, I can see it in your smile. You’re all I’ve ever wanted and my arms are open wide.”. Dazu dramatic clouds, der erste Schnee auf den Bergkuppen. Perfekter Moment. Perfekte Reise!

I would go out tonight…

Weggehen in Island ist ziemlich speziell. Denn richtig was los ist erst ab 2 Uhr nachts. Das ist in Reykjavik so und auch in Ísafjörður. Ich hatte nicht wirklich vor, die ganze Nacht weg zu sein, aber ein bisschen Gesellschaft, Musik und betrunkende Isländer schauen, das wollte ich. Doch das Husid in Ísafjörður war nur halbvoll und wir einfach zu müde um nach einem Bier noch länger zu bleiben. Außerdem schien der Mond so schön, wenn auch es nachts schon empfindlich kalt war. Überhaupt die dunkle Nacht zu erleben, war für mich irgendwie etwas besonderes, hatte ich das schon seit 3 Monaten nicht gesehen. Sternenklar, heller Mond, am Horizont noch ein Schimmer Sonnenuntergangslicht. Und dann das grüne Nordlicht was plötzlich über den Horizont tänzelte, seine Schlangenlinie von einer Fjordseite zur anderen zog. Und wir, wie wir uns freuten und staunten und glücklich waren, dass wir an diesem Abend vor 2 heim gefahren sind.