Ég er kominn heim

Önundarfjorður vom Hafen in Flateyri aus gesehen

Önundarfjorður vom Hafen in Flateyri aus gesehen

Mir schwirrt in den letzten Wochen so viel im Kopf rum, so viele Worte, Buchstaben, Sätze, die ich immer unbedingt aufschreiben will, sofort, aber nie bin ich dann in Besitz von Schreibmaterial. Und dann abends zu müde oder plötzlich sind all die schöngeformten und wohlklingenden Sätze weg. Einfach weg. Und so kommt es auch, dass es hier so still ist momentan. Es passieren einige Dinge, mal hier mal dort. Zum Beispiel war ich im April zu Besuch in Deutschland, traf meine Freunde in Hamburg, löste mein Zimmer in der geliebten WG auf, bekam einen Sonnenbrand im Garten meiner Mama, hatte einen wirklich entspannten Freundetreffmarathon in Berlin und – das war der ausschlaggebende Termin meiner Deutschlandreise – wohnte dem tollen Husum Harbour Festival bei, auf dem auch all meine musikbekloppten Freunde waren und Matthew Caws. Letzterer ist Sänger meiner Lieblingsband Nada Surf, hatte auf besagtem Festival einen Soloauftritt und ich durfte ein Interview für concert-news und meinen Blog mixtapebabe mit ihm führen, ein lang gehegter Traum. Diese neun Tage rasten nur so an mir vorbei und schon war ich wieder in meinem gewählten Zuhause. Ich hatte Angst, dass mir der Abschied von Deutschland schwer fallen würde, das tat es auch, besonders von Hamburg. Aber das heimkommen war wie zuvor. Bauchkribbeln im Bus und bewundernde Blicke für die ach so triste Lavalandschaft.

Und nun sitze ich hier auf dem Sonnenfleck im Eingang des wohl schönsten Guesthouses der Westfjorde, in dem ich jetzt seit knapp zwei Wochen arbeite. Einen Sommer lang. Housekeeping und Essenszubereitung. Ja, ich musste wieder zurück an dieses Fleckchen, denn ich hab hier mein Herz verloren. Nicht an einen Vikinger, oder nur beinahe, sondern an die Landschaft, die Ruhe, das Vogelgezwitsher, die Pferde hinterm Haus, die wunderschönen Sonnenuntergänge (bzw. Mitternachtssonnennächte), die Familie, Flateyri und den Sauerampfer auf den Wiesen.

Das einzige was mir fehlt sind meine Herzmenschen, mit denen ich das hier gern teilen würde, mit denen ich Wein am Fjord genießen würde oder Krias beobachten. Aber keine Sorge, ich geh hier nicht ein, es kommt Besuch der Herzmenschen aus Reykjavik und aus meinem Ursprungsland. Und dann erobern wir die Berge, baden vielleicht im schönsten aller Fjorde, genießen die Stille und die Vogelgesänge.

Mitternachtssonne gegen 23:00 am Önundarfjorður mit Blick Richtung Flateyri

Mitternachtssonne gegen 23:00 am Önundarfjorður mit Blick Richtung Flateyri

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Einjähriges…

So wie in den letzten Wochen und Monaten diverse Stürme übers Land gezogen sind, so schnell und mit voller Wucht sind die letzten zwölf Monate an mir vorbeigeweht. Vor exakt einem Jahr war ich auf dem Weg in eine ungewisse, aufregende Zeit, von der ich noch nicht wusste, was sie bringen würde, welche Abenteuer ich erleben, wer mir ans Herz wachsen oder wen ich ganz schnell wieder vergessen würde. Ich ahnte dass es schön werden würde, aber wusste nicht, dass es SO schön ist. Ich ahnte nichts von den Irritationen, von den Zweifeln, davon wie schwer der Winter für mich werden würde (weil ich ursprünglich auch gar nicht vorhatte, so lange zu bleiben). Dieses Kapitel in meinem Leben war so unbeschrieben, so offen und immernoch gibt es kein Ende. Weder gut noch schlecht.

IMG_20140511_221323Hier und jetzt bin ich schlauer, habe ich viele tolle Momente gehabt, viele tolle Menschen kennengelernt, mich besser kennengelernt, bin über mich hinausgewachsen, habe herausgefunden, wer ich bin aber bin noch lange nicht fertig damit. Und mag eigentlich nie fertig damit sein. Denn ich möchte immer lernen, über mich, über die Welt, über andere. Und auch stolpern können, sich mit seinen Ängsten, mit seinen Intoleranzen auseindersetzen, sich über die eigenen Grenzen hinwegsetzen, Gefühle zulassen, aushalten, Gedanken hinterfragen, Verhalten hinterfragen. Von sich, von anderen. Und offen sein für all das, für die Unterschiedlichkeit der Kulturen, die doch größer ist, als ich je gedacht habe. Ich bin ein Stückchen geduldiger geworden, habe aber gemerkt, dass es nicht einfach ist aus der eigenen soziokulturellen Haut zu schlüpfen.

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Ich habe Dinge getan, die ich noch nie zuvor getan habe, habe meine romantischen Vorstellungen des Farmlebens sehr schnell abgelegt, gelernt es zu schätzen, woher Fleisch kommt, wie die Tiere leben, die irgendwann (für uns) sterben müssen. Bewusster leben, bewusster konsumieren, sich auf das wichtige und notwendige beschränken. Ich habe mich in Schweigen geübt, ich habe der Natur gelauscht, Vogelstimmen kennengelernt, das Schreien des Polarfuchses erkannt. Ich habe Kühe gemolken, Lämmer markiert, Schafe eingefangen, wilde Kälber bei ihrem ersten Ausflug begleitet (und sie versucht davon abzuhalten zu entkommen). Ich habe mehrere Tiere sterben sehen (auf natürliche und unnatürliche Weise).

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Anfangs war ich ein Prinzessinnenbändiger, habe ich spät herausgefunden, wieviel Arbeit eine Familie und der Haushalt wirklich machen. Niemehr wollte ich nach dem Prinzessinnenbändigen Prinzessinnen bändigen. Doch ich wurde (zum Glück) vom Gegenteil überzeugt, dass es nicht immer verrückt und chaotisch zugehen muss. Ich habe eine zweite Familie gefunden, Freunde, Vertraute, die ich niemehr vergessen werde. Denen ich dankbar bin, für all die Erfahrungen, die sie mir ermöglichen.

Die Berge waren manchmal steil, oft musste ich über viele Steine steigen, aber immer war da eine Kraft, die mir die Hand gereicht hat und mir zurief “Vertrau dir”. Der Ausblick von dort oben ist so atemberaubend schön! Diese Energie hat mir geholfen, den Abstieg ohne Schrammen und Stürzen zu überstehen.

Niemals, in keiner Sekunde habe ich bereut diesen Schritt gegangen zu sein – und es war nicht immer leicht. Manchmal habe ich Sehnsucht nach Kränen, Hafen, Astra mit Freunden, Sommer, Sonne, Currywurst, Hasenschaukel, Elefantenfuß, Hasen hinterm Haus, Tanja in der Küche, Amselgesang und Großstadttrubel. Doch ich weiß, dass es da diese Sehnsucht gibt, wegen der ich hier bin und ich weiß immernoch, dass dies der richtige Weg ist, wo auch immer er hinführt, denn ich bin mir sicher, dass es keine falschen Wege gibt.

NL09Nun steh ich hier mit all den Eindrücken der letzten zwölf Monaten, angekommen in einem Land, von dem ich bis vor zwölf Monaten nur träumen konnte. Angekommen in einem Land, das ich jetzt mein zu Hause nenne. Vielleicht temporär aber im Herzen immer. Und immernoch ist das Kapitel nicht zu Ende, das Ende nicht vorhersehbar, ungeschrieben. Ich fülle die Seiten mit Leben, Leidenschaft, Freiheit, Bergen, schwarzen und gelben Stränden, Angry Birds, Wollgras, vielen neuen Lieblingsmenschen, Kuhaugen, Schafmähen, wehenden Pferdemähnen, Reykjavik, gutem Essen, Lakritzschokolade, Nordlichtern, Sonnennächten, bärtigen Isländern, verschmitztem Kinderlachen, felligen Katzenbäuchen, glitzerndem Nordatlantik und am Ende auch Musik.

Sonnensturm…

Gestern Abend gab es Explosionen…am Himmel. Erst vermutete ich hinter dem Aurora Forecast Level 9 einen Fake, eine gehackte Seite, dann war meine Timeline gepflastert mit “Nordlicht alert and it’s not dark yet”.

Also zwang überredete ich eine Freundin raus aus dem Straßenlaternendschungel zu fahren. Zu viert konnten wir dann kaum unseren Augen trauen…der ganze Himmel war voll mit diesen wunderschönen Himmelserscheinungen. Über drei Stunden lang hielten wir es bei -8 Grad aus, tanzten zu “Like a Virgin” und sangen Cat Stevens “Wild World”…und am Himmel wurde in grün, pink und blau gesplasht, gezwirbelt und ebenfalls getanzt. Ich hörte selbst Isländer sagen, dass sie so etwas noch nicht gesehen hatten…wie schön Physik sein kann!

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Þorrablót og heima er best…

Vor ein paar Wochen, zum Ende des Monats Þorri, reiste ich wieder einmal an den Ort, dem ich seit dem Sommer so verbunden bin. Dieser besondere Monat – Þorri, der vierte Wintermonat der nach dem alten Kalender von Mitte Januar bis Mitte Februar geht – war auch Grund meiner Rückkehr, da ich von meiner Westfjords-Familie zum Þorrablót eingeladen wurde. Ein isländisches Fest, an dem diverse alttraditionelle Speisen auf den Tisch kommen, die an die alte Winterzeit erinnern. Dazu gehört allerhand sauermilchig Eingelegtes (z.B. Schafshoden), geschmorter Schafskopf (wahlweise in Aspik), Hangikjöt (geräuchertes isländisches Lammfleisch), Flatbrauð (isländisches Fladenbrot), Rúgbrauð (malzig, süßliches Schwarzbrot, ähnlich Pumpernickel) und der Kæstur Hákarl (fermentierter Grönlandhai). Im Einzelnen hatte ich diese “Leckereien” bereits in den vergangenden Monaten probiert, sogar das Fleisch des geschmorten Schafskopfs als sehr lecker befunden und auch das Pumpernickel, das Flatbrauð und das Hangikjöt gehören zu den echt leckeren Speisen Islands. Nach einmaligem Probieren des fermentierten Hais und des sauermilchig eingelegten Schafhodens reichte mir diese Erfahrung allerdings aus, um beim Þorrablót in Holt dann auf die Touristengaumenvarianten zurückzugreifen. Ich hoffe, die Anwesenden schauten mir nicht zu sehr auf den Teller bzw. maßen mich nicht danach. Denn ich hatte an jenem Abend sehr viel Spaß.
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Ich kann von Glück sprechen, dass ich mehr als einmal einem isländischen Fest beiwohnen konnte, so lernt man die kulturellen Gepflogenheiten eines Landes doch am besten kennen. Und ich mag diese “Dorffeste”…ich nenne sie so, da das Leben und Feiern in Reykjavik ganz anders ist, als auf dem Land. Es wird versucht, all die Strapazen der Monate, Wochen, Stunden zu vergessen, es wird gelacht, Geschichten erzählt, gesungen…gesungen, mit Leib und Seele…und getanzt, wild, ausgelassen, ungehemmt. So fand auch ich mich wieder in den Armen eines tanzwütigen Isländers, dem ich wohl öfter an diesem Abend auf die Füße trat, da ich diese Paartänze seit fast 20 Jahren nicht mehr getanzt habe, meine Stärke eher im Freestyle-Tanzen liegt. Da er viel lachte, mitsang und ich immer wieder zum Tanzen aufgefordert wurde, kann all das allerdings nicht allzu schlimm gewesen sein oder der Alkohol stark genug, um über Fußschmerzen und einen unbiegsamen Rücken hinwegzusehen. Und auch ich ertappte mich beim Mitsingen des alten Islandklassikers “Ferðalok (Ég er komin heim)”. Und ich habe mir vorgenommen, beim nächsten Þorrablót das mit Liebe und Humor zusammengestellte Rahmenprogramm verstehen und mich auf isländisch unterhalten zu können. Und meinem Tanzpartner nicht mehr so oft auf die Füße zu treten. Also heißt es in den nächsten 11 Monaten fleißig isländisch lernen und Paartanzen üben.
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another storm warning…

Während ihr fleißig Bilder von frühlingshaftem Abhängen mit Bier am Hafen, draußen aber auf jeden Fall in der Sonne posted, sitze ich hier eingemummelt, die letzten Auswirkungen einer fiesen Island-Grippe überwindend, in meinem Bett. Ich dachte ja vor anderthalb Wochen: “Ha, die Grippewelle hab ich auch dies Jahr wieder unbeschadet überwunden” und keine 24 Stunden später hat sie mich ich mit hohem Fieber, Schmerzen überall und Schüttelfrost so richtig in die Fresse gehauen. Aber um ehrlich zu sein, gibt es da draußen grad nicht so viel zu verpassen, denn gleich morgen fegt der achtunddrölfzigste Sturm über das Land, diesmal mit Höchstgeschwindigkeiten bis zu 35m/s (126 km/h), bringt wohl auch noch Starkregen mit (huh, mal was neues, denn bisher handelte es sich häufig um Schnee- / Hagelstürme). Da kann einem dann schon mal die Luft wegbleiben (nicht nur sprichwörtlich), wenn man in Windrichtung versucht irgendwo langzulaufen. Der Kühlschrank ist voll, ich kann mich weiterhin fleißig dem isländisch lernen hingeben und mich wiedermal um meinen Musikblog kümmern, der in den letzten Monaten ein wenig vernachlässigt wurde. Nun ambitioniert in englisch und das macht sogar Spaß! Spaß macht es auch, endlich wieder für Musik offen zu sein, wieder mehr hinzuhören, z.B. bei den neuen Alben von Love A und The Slow Show oder beim neuen Video der Antilopen Gang. Liebe sag ich nur!

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Auch wenn ihr es nicht glaubt, aber trotz des ganzen Neuschnee / Sturm-Wirrwarrs kann man den Frühling deutlich spüren. Die Vögel flattern und zwitschern wie verrückt in den Bäumen hinterm Haus (hab ich grad Bäume gesagt?), es ist von 7:30 bis 20 Uhr abends hell und die Menschen strahlen so einen Frühlingsgefühlsduft aus. Ich eigentlich auch? Ich glaub schon. Ich kann ihn deutlich spüren, den Wind in meinem Haar, wenn ich im kommenden Sommer mit dem Rad einen Feldweg in den Westfjorden entlangradel. Man darf ja wohl mal träumen dürfen!

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Life according to my life

Ein paar visuelle Eindrücke…

IMG_20150111_140357new neighborhood…
IMG_20141225_135053winter in the city
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favorite chocolate von Omnoms!
IMG_20150115_135920please take me there and sing me to sleep…Kex Hostel
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IMG_20150122_140310learning icelandic…még finnst vaffla góð
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favorite horses in favorite westfjords
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winterly Gullfoss

IMG_20150129_230932IMG_20150128_154115random afternoon at Tjörnin

Magical Mt. Esja

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Lay out the tricks on the floor
You are a demon
I will go back to the shore
You are the reason
Speaking made me an outlaw
See you next season with my guns
(Cheek Mountain Thief – Showdown)

Der Kopf voll mit Dingen die mich ablenken von den guten Sachen, von guten Menschen, von den guten Seiten. Das Herz schwer von Missverständnissen, von Unfairness, von Kälte, Winter, zu wenig Adventure. Die Sonne hilft, der Weg runter zum Wasser hilft, der Blick auf Esja hilft immer wieder, er tröstet, er gibt Kraft, den Glauben daran dass ich alles richtig mache, dass es richtig ist, zu sagen was man denkt und fühlt, für sich und andere einzustehen. Versuchen genau das sich nicht als Schwäche, sondern als Stärke anzuerkennen. Und das zählt, es für sich zu wissen. Was andere denken ist egal. Was Freunde denken ist nicht egal.

Sich auf die Stärken besinnen, die vielen Kleinigkeiten sehen, die man so liebt. Den Sonnenstrahl, der sich den Weg durch die Häuser bahnt. Selbst dieser Sonnenstrahl sein, Licht ins Dunkel in der Ferne bringen. Ich weiß ich bin hier noch nicht fertig, ich bin auch dort noch nicht fertig, ich werde nie irgendwo fertig sein, denn lernen, über sich selbst, über andere, das endet nie. Doch ich mag hier diesen Fleck nicht mit diesem letzten Eindruck verlassen, mit all der Schwere im Herzen. Ich möchte wieder leicht sein, wieder fliegen und trotzdem die Füße auf dem Boden haben, weil ich weiß wo ich hinwill. Und ich will hier sein, noch ein bisschen länger.

Noch oft den Weg runter zum Wasser gehen und beim Blick auf Esja das Gefühl von Frieden in mir haben, das Gefühl beschützt zu werden, von diesem Berg, weil er so viel Ruhe, Weisheit und Gutmütigkeit ausstrahlt. Wie ein altes Familienmitglied, das schützend und tröstend den Arm um einen legt und einem mit guten Worten den Weg weist.