Nutztiere: ein paar Gedanken

Ich esse Fleisch und konsumiere Milchprodukte. Das machen sehr viele Menschen auf der Welt. Ich habe mir schon vor meiner Arbeit hier auf der Farm viele Gedanken über Vegetarismus, Veganismus und überhaupt Ernährung gemacht. Aber ehrlich gesagt gehöre ich zu den Menschen, die die Wahrheit lieber verdrängen, als konsequent zu sein. Nun schwirren mir eigentlich seit dem ersten Tag hier auf der Farm viele Fragen, viele Dinge und Bilder im Kopf rum. Brauchen wir so viel Milchprodukte, brauchen wir so viel Fleisch, was kann man gegen die ganze Nutztierindustrie tun?

Um klarzustellen, hier auf der Farm leben die 130 Kühe verhältnismäßig gut. Sie haben Freiraum, im Sommer kommen sie auf die Weiden, es gibt einen modernen Reinigungsroboter, der den Kühen die Scheiße unter den Hufen wegputzt, sodass sie nicht ständig ausrutschen oder in ihrer eigenen Scheiße stehen müssen. Jede von ihnen hat ihr “Bett”, welches allerdings nicht wirklich komfortabel, nur aus widerstandsfähigem Faserstoff besteht, auf den zweimal täglich zwei handvoll Einstreu-Desinfektionsgemisch gestreut wird, damit sich das Euter nicht entzündet beim Liegen. Dank hochmoderner Melkroboter können sie selbst entscheiden, wann sie gemolken werden wollen. Die Umstände also sind zumindestens hier nicht soooo schlecht. Aber es geht auch anders; den ganzen Tag angebundene Kühe, die kaum Bewegungsfreiraum haben, nicht raus dürfen und denen kein Reinigungsroboter die Scheiße unterm Euter wegputzt. Allen Kühen gemein ist allerdings, dass ihnen nur wenige Stunden nach der Geburt das Kölbchen weggenommen werden muss, denn so kommen wir an unseren leckeren Mozzarella, den tollen knusprigen Gratinkäse, den leckeren Erdbeerjoghurt, die Sahnetorte bei Oma, das Eis im Sommer. Und nicht nur das. Milchpulver ist in ziemlich vielen Lebensmitteln enthalten.

Um das nochmal zu verdeutlichen. Ein Kalb wird geboren, wenn es Glück hat für die ersten Stunden vom Bauern unbemerkt, sodass es noch ein bisschen mehr Zeit mit seiner Mama hat. Doch dann, nur wenige Stunden nach der Geburt, wenige Stunden mehr oder weniger ungestörtem Beisammensein mit Aufbau einer Mutter-Kind-Beziehung, die ersten Schlucke der ersten sehr wichtigen Muttermilch, werden die beiden getrennt. Das Kälbchen kommt entweder allein in eine Kälbchenbox oder mit anderen Kuhkindern zusammen in einen Raum/Stall, in dem es fortan aus einem Milcheimer trinken muss. Die ersten Tage bekommt es dort tatsächlich die wichtige erste Muttermilch (da sie für uns ungenießbar ist) und ab dann ein Gemisch aus Milch, Wasser und Milchpulver. Ich bin keine Mutter, aber ich kann nachfühlen, wie es wäre, wenn man mir kurz nach der Geburt mein Kind wegnimmt. Nun werden vielleicht einige sagen, dass die Mutterkuh das nach ein paar Tagen vergessen hat. Viel Ahnung vom Sozialverhalten von Kühen habe ich nicht, aber einige Kühe sind nach der Geburt, beim ersten Melken in der Melkmaschine so ziemlich störrisch, wild und im normalen Leben würde ich um diese Tiere dann eher einen großen Bogen machen. Leg dich nicht mit Müttern an! Ich würde auch zur Furie werden, wenn ich in solch einer Situation wäre. Das Kälbchen hat drei “Chancen”: entweder es wird auch eine Milchkuh (wenn es weiblich ist), ein guter Zuchtbulle (wer braucht allerdings 20 Zuchtbullen?!) oder landet als Kalbsfilet ein paar Monate später auf dem Teller. Was da die bessere Entscheidung ist, bleibt da die Frage. Jaja, blabla, alles gefühlsduseliges Menschengesülz?!

Mal von dem ganzen Fleisch, Nicht-Fleisch, tierische Produkte-Gerede abgesehen und nochmal zum Thema Scheiße kommend: Hat jemand eine Idee davon, wieviel Kuhscheiße da tagtäglich produziert wird? Ich habe keine Zahlen (Jonathan Safran Foer hat sie in seinem Buch “Tiere essen”  aus dem KiWi Verlag, in dem er in selbst recherchierten Fakten die Seiten der Massentierhaltung aufzeigt, ohne den erhobenen Zeigefinger klar macht, dass jeder die Wahl hat.), doch sehe das hier tagtäglich und 130 Kühe sind im Durchschnitt vermutlich eher eine kleine Anzahl. Die Scheiße muss entsorgt werden, meist als Dünger für die Felder, aber wie wir alle wissen, entsteht da sekündlich auf der Welt eine Menge Methan, das maßgeblich am Klimawandel beteiligt ist. Also sind wir durch unser Konsumverhalten nicht nur für das übermäßige und unsinnige Sterben von Tieren, für Massentierhaltung verantwortlich, sondern auch für Umweltprobleme und den Klimawandel.

Man mag darüber denken was man will, aber mal mehr als nur einen kleinen Gedanken (den man dann schnell wieder wegschiebt), sollte man an all das gern “verschwenden”. Das Pro und Contra, denn was wäre, wenn wir plötzlich einsehen, dass wir soviel Fleisch und Milch gar nicht brauchen. Es wären auf jeden Fall einige Menschen auf dieser Welt, denen plötzlich eine Existenzgrundlage entzogen werden würde, die man in einem Land wie Island beispielsweise nicht einfach so auf andere Bereiche umfunktionieren könnte.

Das sind nur ein paar Gedanken, die ich die letzten Wochen hatte, die keinesfalls vollständig sind und vielleicht im Wissen noch ein paar Lücken haben…aber vielleicht helfen sie mir, klarer zu sehen, vielleicht regt es andere zum Nachdenken an.

Abschließend sei euch noch die Seite Kochen ohne Knochen ans Herz gelegt. Auch für Fleischesser was!

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