Landleben und 4 Prinzessinnen…

Da bin ich, also hier, irgendwo in der Nähe von Akureyri, ein Dorf mit Schule und Schwimmbad (zwei Hot Tubs inklusive, um nicht das wichtigste der Isländer zu vergessen), mehr eigentlich kaum. Wichtig zu erwähnen wäre noch der in der Umgebung höchste Berg Kerling mit 1538 Metern. Und 130 Milchkühe, 7 Pferde, 30 Schafe, ein Hofhund, eine Glückskatze, 4 Mädchen und das ganz normale Landleben.

Das heißt früh raus, klarkommen zwischen vier schnatternden aufgeweckten Prinzessinen, von der jede einzelne einen Schrank voll Klamotten und einen voll mit Spielzeug hat. Gefühlt. Integrationstechnisch sind sie alle ganz handzahm. Sie integrieren mich, trotz massiver Sprachbarrieren in ihre Gespräche, in ihre Spiele und ihre Zankereien. Da wird sogar umarmt, geherzt und an die Hand gefasst. Sogar den zweijährigen Zwerg kann ich langsam auf meine Seite ziehen…Verstecke spielen und kitzeln funktioniert wohl überall auf der Welt. Und das, obwohl ichs eigentlich nicht so mit Kindern habe, jedenfalls nicht mit so vielen über so eine lange Zeit.
Hrafnagil04
Die Sprachbarriere ist wohl momentan das größte Hindernis, mich gleich wohl zu fühlen. Zwar sprechen die Eltern englisch, aber eben nur dann wenn sie mich was fragen oder ich sie anspreche. Aber das ist wohl auch klar. Deshalb habe ich angefangen, den kostenlosen Isländischkurs der Universität of Iceland. Nun kann ich also schon mehr als “Hallo, ich heiße Maria. Ich komme aus Hamburg. Wie geht es dir” sagen. Nämlich zählen, was ganz wichtig ist beim Spielen mit den Mädchen. Denn wir spielen ein Kartenspiel, bei dem wir immer gleiche Bilder auf den Karten erkennen müssen (so lerne ich gleich, dass epli Apfel, lás Schloss, kónguló Spinne, klukka Uhr und húndur Hund heißt) und am Ende der gewinnt, der die meisten Karten hat. Bis zwanzig kann ich bisher zählen.

Da wären dann noch die Tiere, die ja auf so einer Farm eine große alltägliche Arbeit ausmachen. So viel Berührungspunkte hatte ich allerdings bisher nicht, jedenfalls nicht mit den 130 Kühen. Mir wurde anfangs gleich gesagt, dass da alles voll automatisch läuft, dass die Kühe so oft wie sie wollen selbst entscheiden, wann sie gemolken werden. Nur denen, die eine Auszeit (wegen Kinderbetreuung oder Krankheit) oder noch keine Erfahrung mit den Geräten haben, muss man etwas nachhelfen. Diese Aufgabe musste bzw. durfte ich noch nicht erledigen. Dafür Hühner füttern jeden morgen und einmal den Pferden Heu geben. Dennoch mache ich tagtäglich meinen kleinen Rundgang über den Hof, begrüße die Kälbchen, die mir tatsächlich an der Hand nuckeln, als wär ich ne Mutterkuhzitze, schaue bei den Schafen, Hühnern und Mutterkühen vorbei, die immer sehr neugieren einem entgegenschauen. Wenn die wüssten! Denn von dann zu wann wird auf dem Hof auch selbst geschlachtet. So wie an meinem dritten Tag. Glücklicherweise wurde mir Bescheid gegeben, damit ich selbst entscheiden konnte, ob ich das sehen will. Neugierig war ich schon, doch die Angst vor einem Trauma war dann doch größter und ich habe nur von Weitem die Gedärme auf der Traktorschaufel liegen und die Raben, die der Farm den Namen gaben, drin rumpicken sehen. Pferde werden hier auch manchmal geschlachtet. Puh, Landleben ist tatsächlich kein Ponyhof!
Islandpferd_Hrafnagil01
Apropos Ponies bzw. Islandpferde. Davon stehen auch welche im Stall. Im Stall? Ja! Man hat immer die Idee dass es in Island frei rumlaufende Pferde gibt, die wie wild leben. Dieser Illusion wurde ich bereits letztes Jahr im Sommer von einem Isländer beraubt, der sagte, dass die Pferde eigentlich immer auf eingezäunten Weiden nahe der Farmen leben und nur beim Weideabtrieb im Winter in großen Herden ins Tal getrieben werden. Na gut Realität, zerstör mir meinen letzten Kindheitstraum. Die Pferde hier stehen wie gesagt noch im Stall, die Weiden müssen auch erstmal das nötige Gras ansetzen, bevor die Pferdehufe sie zertrampeln können. Dafür sind unter den sieben im Stall tatsächlich zwei, die mir vermutlich auf den Schoß springen würden, wenn sie könnten, so verschmust sind sie. Ich bin gespannt, wie sie sind, wenn sie “frei” gelassen werden.
Hrafnagil+Tara
Anhänglichkeit könnte allerdings vor allem der zweite Vorname der etwas molligen Hofhündin Tara sein, die sich mit voller Hingabe sehr fordernd sehr oft vor meine Füße schmeißt. Ich mach das ja äußerst gern, Hundebäuche kraulen. Doch sie kann in solchen Momenten schon auch ziemlich aufdringlich sein. Und wenn ich grad ein Pferd streichle, schiebt sie ihre kaltfeuchte Hundeschnauze eifersüchtig in meine Hand. Die Gastmutter sagt “She loves you”. Yeah, yeah, yeah! Doch nicht nur ausdauernd zum Streicheln animiert sie mich, sondern auch zum Spielen…Bälle mag sie nämlich äußerst gern und rennt ihnen gern auch stundenlang hinterher.

Was ich noch so von der Umgebung gesehen hab? Hmmm, bisher noch nicht so viel, außer die umliegenden Berge (der höchste und sehr pittoreske unter ihnen heißt Kerling und ist 1538 Meter hoch), aber am Wochenende möchte ich eigentlich gern mal nach Akureyri. Ein paar andere Menschen sehen, einen Kaffee trinken gehen (ich habe mich mal für eine kaffeefreie Zeit entschieden), Postkarten verschicken, das übliche Stadtgeplänkel.

Es wuppt sich also langsam ein, das Leben hier…so nach 4 Tagen würd ich sagen: Läuft. Wenn auch noch nicht perfekt und ich meinen Platz in der Famlie noch finden muss. Aber dafür hab ich die nächsten 2 Monate auch noch Zeit.

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4 thoughts on “Landleben und 4 Prinzessinnen…

  1. Schön, dass Du doch einen recht guten Einstieg hast. Das Einleben wird bestimmt bald besser. Ich ziehe jedenfalls den Hut bei einer fremden Familie zu leben.
    Lieben Gruß. 😉

  2. Liebe Maria,
    ich ziehe meinen *Hut* vor dir! Deinen Mut und deine Entschlossenheit bewundere ich sehr!
    Du wirst sehen….bald gehörst du dazu, so wie der tägliche Regen…
    Für uns sind es noch genau 101 Tage, dann legt die Fähre ab! 🙂
    Ich freu mich wie blöd auf Island!
    Fullt af ást og frábæra tíma! (google übersetzer) 😉
    Kveðjur frá Gabi

    • Hey Gabi!
      Um ehrlich zu sein…geregnet hat es hier in Island seit meiner Ankunft nicht! Aber ich habe wohl grad etwas Glück. Ich finds auf jeden Fall gut und ich freu mich auf alles. Danke für den Zuspruch! Wahnsinn, diese Vorfreude ist tatsächlich fast unaushaltbar, oder? Genieße sie! Es ist schneller “vorbei” als dir lieb ist.
      Takk fyrir, sjaumst!
      Maria

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