northern lights…

…der Forecast für die Nordlichter war an jenem Abend zwar nicht atemberaubend, jedoch kurz vor 22Uhr sagte er für die Gegend um Akureyri eine 4 für “active” an. Und so zog ich mir meine wärmsten Klamotten an, steckte mir meine Kamera und meine Handschuhe in die Tasche, durfte mir auch noch das Tripod der Gastfamilie ausleihen und machte mich auf den Weg zur anderen Seite des Fjords. Leider war in dieser Nacht der Mond ziemlich hell, dass ich fast glaubte, eh nichts sehen zu können. Doch dann stellte ich mich an den Feldweg, wartete und beobachtete. Und plötzlich war das was ich erst als Wolke ausgemacht hatte, ein Nordlicht. Grünlich schimmernd, inklusive Sternschnuppe die in diesem Licht zu verglühen schien. Meine Gänsehaut kam nicht vom aufziehenden Wind. Mein Blick wanderte herum und direkt über dem Berg der Farm schimmerte auch dort der Himmel grün. Die Kamera machte alles fast von allein, ich musste nur den Selbstauslöser anstellen, alles weitere hatte ich vorher schon eingestellt. So holte ich mein Musikabspielgerät raus, drückte bei Sigur Rós auf “play” und genoss. Gänsehaut, Tränen, Glücksgefühle, Ankommen in diesem Moment. Was man da sieht und wie wahnsinnig schön das ist, kann man erst erkennen, wenn man es selbst erlebt hat. Nun ist die Saison für Nordlichter fast vorbei, denn bald geht die Sonne nicht mehr richtig unter. Schon jetzt ist es nachts gegen 0 Uhr am Horizont noch dämmerig. Muss ich eben so lange hier bleiben, bis wieder die Nordlichtsaison eröffnet ist! Mindestens!
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Sommeranfang…

…am kommenden Donnerstag ist in Island der traditionelle Sommeranfang (der erste Donnerstag nach dem 18.April), heute fühlt es sich auch schon nach (isländischem) Sommer an. Doch gestern erst fielen die letzten Schneeflocken und ich wette, es werden nicht die letzten bis zur wirklichen Sommersaison im Juni gewesen sein. Aber eigentlich ist das fast egal, das Wetter hier in Island muss man so nehmen wie es kommt. Und ein Sprichwort der Isländer meint: Magst du das Wetter grad nicht, dann warte 5 Minuten. So ist es. So kann man die schönsten und bedrohlichsten Wolkenformationen nach wunderschönstem blauen Himmel beobachten.

Abgesehen davon, wuppt sich hier alles so ziemlich gut ein. Der heutige Tag ist mein 22. Tag auf der Farm, ich bin voll und ganz aufgenommen als Familienmitglied, die Kids haben mich schon Mama genannt (na gut, das haben sie auch schon zu meinem Gast an den letzten Tagen gesagt), wir hatten ein tolles Osteressen zusammen und ich wurde schon mehrmals gefragt, warum ich denn eigentlich gehen will Ende Mai. Nun ja, ein gutes Gefühl.

Die Arbeit wird alltäglicher, ich muss nicht mehr den Antworten auf meine Fragen hinterherrennen, sondern habe mit einem 20 jährigen Worker aus Israel auch jemanden gefunden, der mir gern und bereitwillig Dinge zeigt, die ich noch nie gemacht habe. Zum Beispiel Heu mit dem Traktor holen. Habe ich heute gemacht, ich hinter dem Steuer. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob es nicht auch ein bisschen seine Art der Annäherung ist, aber so lerne ich wenigstens in meinem Leben mal Traktor fahren. Auch schön. Neben der alltäglichen Farmarbeit, wie füttern aller möglichen Tiere, Mutterschafe und ihre Lämmer umsetzen, den Kuhstall sauber machen, fallen auch alltägliche Hausarbeiten wie Wäsche waschen, Ordnung machen, abwaschen und Kinder bespaßen an. Das macht Spaß, alles in allem.

Und ich lebe von meinen Ausflügen nach Akureyri, sei es nur für einen Nachmittag um mich mit anderen zum isländisch sprechen & verstehen zu treffen oder um den ganzen Tag dort abzuhängen und Menschen zu beobachten. Wenn jetzt das Wetter etwas beständiger unwinterlich bleibt, möchte ich gern noch die Gegend erkundigen. Die Fjordmündung ist nämlich wunderschön!

Und beinahe hätte ichs vergessen: Ich habe Nordlichter gesehen! Das erste Mal! Und es war wunderschön! Später vielleicht ausführlicher…

Mir ist schlecht…

Nein nein, keine Angst, ich habe mir nicht den Magen verdorben.
Am besten beginne ich gaaaaaaaaaaanz von vorne, um zu erklären warum diese Überschrift:

Ich war 9 oder 10 Jahre alt und damals mit meiner Oma im Spreepark in Berlin. Das war ein Vergnügungspark, der heute in seiner Verfallenheit Touristen anlockt. Damals war mein Lieblingskarussell das Kettenkarussell. Und da ich davon nicht genug bekommen konnte, bin ich damals gleich viermal hintereinander damit gefahren. Oder öfter? Keine Ahnung. Jedenfalls war mir damals danach so schlecht, dass der ganze Rest des Tages versaut war. Seitdem kann ich nicht nur nicht mehr mit einem Kettenkarussell fahren, sondern wird mir auch beim Schaukeln schlecht.

Und das habe ich heut getan, nicht weil ich furchtbar Lust drauf hatte, sondern um Frieden zu wahren, um ein zweieinhalbjähriges Mädchen glücklich zu machen. Hat geklappt würd ich sagen. Denn kurz zuvor heulte sie noch ihre Mutter an, ließ wieder eine Kostprobe ihrer hohen Stimme los und bettelte sie an mit ihr zu schaukeln. Entnervt zog sie ihr die Schuhe und die viel zu große Jacke an, die Kleine schnappte sich eine ebenfalls viel zu große Mütze und ich sagte tollkühn “I can do that for you”. Das machte ich nicht einfach so, weil ich weiß, dass vor allem die Kleinste noch ziemlich zurückhaltend mit mir ist. Nein, es war Besuch da und ich dachte, dass Quality Time für die Eltern und ihren Besuch ja auch ganz schön sein kann.

So schleppte mich der Zwerg ohne Murren zur Schaukel, dort schaukelten wir um die Wette, immer auf þrír (drei). Und sie lachte aus vollstem Herzen. Und wetzte plötzlich los Richtung Pferdestall und rief “Lambið” (Lamm). Dort sind nämlich in den letzten Tagen die ersten Schafskinder zur Welt gekommen. Wie der Gastvater sagte, einen Monat zu früh, weil sie eigentlich erst im Mai kommen. Im Stall wollte die Kleine in jede Box schauen, traute sich sogar, die Pferde zu streicheln, wovor sie eigentlich vorher immer Angst hatte. Ich hielt sie aber an den Hals meines Massagepferds (echt harte Aufgaben hier; eines der Island-Teddys lässt sich nämlich massieren und streckt immer genüsslich seinen Hals). Dann lief sie zum Gästehaus, stieg die sieben Stufen so schnell hinauf und wieder runter, dass mir (wieder) schwindelig wurde, zählte dabei (mit zweieinhalb) fast richtig bis sieben, um dann wieder zur Schaukel zu rennen und mit mir einen weiteren Wettbewerb anzutreten. Das ganze wiederholte sich zwei Mal. Ich befürchtete ein mittelschweres Drama, als ich ihr sagte, dass wir “heim” gehen. Doch sie strahlte mich an, lief ihrer Mutter entgegen und erzählte scheinbar, was wir gemacht hatten.

Mir ist noch immer etwas flau, doch dieses glückliche Kinderjauchzen ist es wert!

Landleben und 4 Prinzessinnen…

Da bin ich, also hier, irgendwo in der Nähe von Akureyri, ein Dorf mit Schule und Schwimmbad (zwei Hot Tubs inklusive, um nicht das wichtigste der Isländer zu vergessen), mehr eigentlich kaum. Wichtig zu erwähnen wäre noch der in der Umgebung höchste Berg Kerling mit 1538 Metern. Und 130 Milchkühe, 7 Pferde, 30 Schafe, ein Hofhund, eine Glückskatze, 4 Mädchen und das ganz normale Landleben.

Das heißt früh raus, klarkommen zwischen vier schnatternden aufgeweckten Prinzessinen, von der jede einzelne einen Schrank voll Klamotten und einen voll mit Spielzeug hat. Gefühlt. Integrationstechnisch sind sie alle ganz handzahm. Sie integrieren mich, trotz massiver Sprachbarrieren in ihre Gespräche, in ihre Spiele und ihre Zankereien. Da wird sogar umarmt, geherzt und an die Hand gefasst. Sogar den zweijährigen Zwerg kann ich langsam auf meine Seite ziehen…Verstecke spielen und kitzeln funktioniert wohl überall auf der Welt. Und das, obwohl ichs eigentlich nicht so mit Kindern habe, jedenfalls nicht mit so vielen über so eine lange Zeit.
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Die Sprachbarriere ist wohl momentan das größte Hindernis, mich gleich wohl zu fühlen. Zwar sprechen die Eltern englisch, aber eben nur dann wenn sie mich was fragen oder ich sie anspreche. Aber das ist wohl auch klar. Deshalb habe ich angefangen, den kostenlosen Isländischkurs der Universität of Iceland. Nun kann ich also schon mehr als “Hallo, ich heiße Maria. Ich komme aus Hamburg. Wie geht es dir” sagen. Nämlich zählen, was ganz wichtig ist beim Spielen mit den Mädchen. Denn wir spielen ein Kartenspiel, bei dem wir immer gleiche Bilder auf den Karten erkennen müssen (so lerne ich gleich, dass epli Apfel, lás Schloss, kónguló Spinne, klukka Uhr und húndur Hund heißt) und am Ende der gewinnt, der die meisten Karten hat. Bis zwanzig kann ich bisher zählen.

Da wären dann noch die Tiere, die ja auf so einer Farm eine große alltägliche Arbeit ausmachen. So viel Berührungspunkte hatte ich allerdings bisher nicht, jedenfalls nicht mit den 130 Kühen. Mir wurde anfangs gleich gesagt, dass da alles voll automatisch läuft, dass die Kühe so oft wie sie wollen selbst entscheiden, wann sie gemolken werden. Nur denen, die eine Auszeit (wegen Kinderbetreuung oder Krankheit) oder noch keine Erfahrung mit den Geräten haben, muss man etwas nachhelfen. Diese Aufgabe musste bzw. durfte ich noch nicht erledigen. Dafür Hühner füttern jeden morgen und einmal den Pferden Heu geben. Dennoch mache ich tagtäglich meinen kleinen Rundgang über den Hof, begrüße die Kälbchen, die mir tatsächlich an der Hand nuckeln, als wär ich ne Mutterkuhzitze, schaue bei den Schafen, Hühnern und Mutterkühen vorbei, die immer sehr neugieren einem entgegenschauen. Wenn die wüssten! Denn von dann zu wann wird auf dem Hof auch selbst geschlachtet. So wie an meinem dritten Tag. Glücklicherweise wurde mir Bescheid gegeben, damit ich selbst entscheiden konnte, ob ich das sehen will. Neugierig war ich schon, doch die Angst vor einem Trauma war dann doch größter und ich habe nur von Weitem die Gedärme auf der Traktorschaufel liegen und die Raben, die der Farm den Namen gaben, drin rumpicken sehen. Pferde werden hier auch manchmal geschlachtet. Puh, Landleben ist tatsächlich kein Ponyhof!
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Apropos Ponies bzw. Islandpferde. Davon stehen auch welche im Stall. Im Stall? Ja! Man hat immer die Idee dass es in Island frei rumlaufende Pferde gibt, die wie wild leben. Dieser Illusion wurde ich bereits letztes Jahr im Sommer von einem Isländer beraubt, der sagte, dass die Pferde eigentlich immer auf eingezäunten Weiden nahe der Farmen leben und nur beim Weideabtrieb im Winter in großen Herden ins Tal getrieben werden. Na gut Realität, zerstör mir meinen letzten Kindheitstraum. Die Pferde hier stehen wie gesagt noch im Stall, die Weiden müssen auch erstmal das nötige Gras ansetzen, bevor die Pferdehufe sie zertrampeln können. Dafür sind unter den sieben im Stall tatsächlich zwei, die mir vermutlich auf den Schoß springen würden, wenn sie könnten, so verschmust sind sie. Ich bin gespannt, wie sie sind, wenn sie “frei” gelassen werden.
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Anhänglichkeit könnte allerdings vor allem der zweite Vorname der etwas molligen Hofhündin Tara sein, die sich mit voller Hingabe sehr fordernd sehr oft vor meine Füße schmeißt. Ich mach das ja äußerst gern, Hundebäuche kraulen. Doch sie kann in solchen Momenten schon auch ziemlich aufdringlich sein. Und wenn ich grad ein Pferd streichle, schiebt sie ihre kaltfeuchte Hundeschnauze eifersüchtig in meine Hand. Die Gastmutter sagt “She loves you”. Yeah, yeah, yeah! Doch nicht nur ausdauernd zum Streicheln animiert sie mich, sondern auch zum Spielen…Bälle mag sie nämlich äußerst gern und rennt ihnen gern auch stundenlang hinterher.

Was ich noch so von der Umgebung gesehen hab? Hmmm, bisher noch nicht so viel, außer die umliegenden Berge (der höchste und sehr pittoreske unter ihnen heißt Kerling und ist 1538 Meter hoch), aber am Wochenende möchte ich eigentlich gern mal nach Akureyri. Ein paar andere Menschen sehen, einen Kaffee trinken gehen (ich habe mich mal für eine kaffeefreie Zeit entschieden), Postkarten verschicken, das übliche Stadtgeplänkel.

Es wuppt sich also langsam ein, das Leben hier…so nach 4 Tagen würd ich sagen: Läuft. Wenn auch noch nicht perfekt und ich meinen Platz in der Famlie noch finden muss. Aber dafür hab ich die nächsten 2 Monate auch noch Zeit.